© Ulf Müller 2013
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Schweiz

Ich sah gerade aus dem Fenster, als ich plötzlich ein schwer bepacktes Adventure-Bike in unsere Strasse einbiegen sah. Im selben Augenblick war Carmen gerade dabei das Auto umzuparkieren, um für Nevil einen sicheren Platz in der Garage freizumachen. So ein Zufall! Nevil ist da! Es gibt ihn also wirklich ;-)  Es ist ein grandioser Moment, meinen zukünftigen Reisepartner erstmals in Realität zu sehen und ihm die Hand zu schütteln. Er ist mir etwa 2 Woche voraus mit dem Beginn seiner Weltreise – ich werde dies dann am Schluss der Reise wieder aufholen, wenn er bereits wieder in seinem eigenen Bett in Canada schlafen wird. Die letzten Tage waren sehr stressig und deshalb ist mein Bike leider noch nicht reisefertig. Neidisch blicke ich auf Twiggy, Nevil’s Suzuki DR650, und ich weiss, was ich noch alles zu tun habe. Wie soll ich das bloss alles schaffen? Nevil stellt sich schnell als geduldiger Partner heraus, denn er gibt mir die Zeit, die ich in dieser wichtigen finalen Vorbereitungsphase dringend brauche und er hilft wo er kann. Es ist wirklich gut, eine helfende Hand zu haben und insbesondere beim Aussortieren der unnötigen Ausrüstungsgegenstände sind seine Erfahrungen wertvoll. Es ist erstaunlich: nachdem ich alles in Kartons geschmissen habe, was er für unnötig hielt, hatte tatsächlich alles beim ersten Packversuch in meinen Boxen und wasserdichten Säcken Platz. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass alles auch auf das Motorrad passt! Nach einigen Packversuchen und der Erkenntnis, dass ich ja zwischen all dem Gepäck auch noch einen Platz zum Sitzen brauche, ist das Motorrad annähernd reisefertig. Naja, ich habe ein paar Details übersprungen: nachdem ich mit Nevil meinen Tank montiert und eine Werkzeugkiste („Tooltube“) aus einem 100er HT-Abflussrohr gebaut und diese einigermassen gut unter meinem Motorschutz befestigt habe, steht die erste Probefahrt an. Motor starten, etwas Gas geben und das Gefährt setzt sich in Bewegung. Ach du sch….! Was zum Teufel ist das für ein Gefühl? Was will ich da versuchen zu steuern, ohne umzufallen? Ich realisiere, dass ein voll bepacktes Reisemotorrad nichts mehr von seinem ursprünglichen Handling hat. Ich merke vor allem, dass dies gewaltiger und schwerer und ungewohnter ist, als alles jemals zuvor! Meine schwere Honda ST1100 ist dagegen zu bewegen, wie ein Fahrrad. Puh, aus der Garage geschafft und ein paar Runden am Ende der Sackgasse gedreht, fühle ich mich in der Lage, es auf einer öffentliche Strasse zu versuchen. Na gut, nach einer Autobahnetappe scheint alles in Ordnung zu sein, aber als wieder in die Garage rolle, merke ich wie schwerfällig das Hinterrad ist – ich habe einen Platten. Motorrad abpacken, Reifen abziehen, Schlauch erneuern, alles wieder montieren und packen. So ist das, wenn einem die Luft ausgeht. Dank Nevil‘s Tipps und seinen genialen Reifen-Montiereisen geht dies jedoch sehr viel schneller, als jemals zuvor. Zweite Erkenntnis: meine Montiereisen sind Schrott und ich muss irgendwo dringend ein anständiges Paar besorgen. Nach einer weiteren Probefahrt ist alles in Ordnung und ich fange an, mich an das Motorrad zu gewöhnen. Das alles hat uns zwei Tage gekostet, aber nun, am 10.Mai 2013 fahren wir endlich los! Der Abschied fällt schwer. Tränen fliessen. Nevil weiss genau, wie ich mich fühle, denn er hat einige Tage zuvor genau das gleiche Wechselbad der Gefühle erlebt. Warum fahre ich eigentlich weg? Ist es richtig was ich tue? Ich weiss es jetzt gerade nicht. Meine Liebste hat entlang der ganzen Strasse kleine „Start“-Fahnen aufgestellt, auf denen mir eine gute Reise gewünscht wird. Unglaublich, das geht mir Nahe. Danke dafür! Und danke für den tollen Support – das schätze ich sehr. Ich werde dich vermissen. Es regnet. Endlich kann ich herausfinden, wie wasserdicht meine Kleidung wirklich ist und ich denke an den Sonnenschein, den wir hoffentlich bald erleben dürfen. Vergessen wir das besser mal ganz schnell. Es wird auch die nächsten Tage wie aus Kübeln vom Himmel schütten und nein, die Handschuhe überstehen nicht mehr als 6 Stunden Dauerregen, bis die Finger nass sind. Mein Touratech-Anzug enttäuscht jedoch nicht – bis jetzt bin ich sehr zufrieden damit. Auch meine Stiefel scheinen relativ dicht zu sein.

Liechtenstein, Österreich und Deutschland  (10./11.Mai 2013)

Nachdem wir durch Liechtenstein gefahren sind (wir wollen einen Länder-Aufkleber mehr auf unseren Koffern haben), erreichen wir die österreichische Grenze und passieren wie erwartet ohne grosses Aufsehen zu erregen. Unser Weg führt uns durch das Inntal und später Richtung Salzburg. Wir nehmen die nördliche Route über Deutschland und freuen uns, dass wir nahe der Autobahn am Chiemsee einen kleinen Bauernhof finden, dessen Besitzer ein paar Zimmer vermieten. Wir werden ganz zuoberst einquartiert und schleppen unsere Sachen die schmalen Holztreppen hinauf. Wir haben ein gutes Zimmer mit getrennten Betten und ich darf das längere Bett beziehen. Nach einem grandiosen typisch bayerischen Abendessen mit Weissbier und Rotwein fallen wir in unsere Betten und einigen uns darauf, dass es wohl für uns beide besser ist, wenn wir unsere Ohrstöpsel montieren. Ich schlafe wie ein Baby und am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass meine Ohrstöpsel wohl besser sind als Nevil’s ;-)  Ach ja, noch ein kleiner Triumph für mich: mein Waschbeutel ist kleiner als derjenige von meinem Kumpel. Endlich ein Ausrüstungsgegenstand, der kleiner und leichter ist, als der von Nevil. Naja, alles andere muss noch dringend optimiert werden. Er weiss viel besser als ich, was er wirklich braucht und was nicht. Ich brauchen wohl die nächsten Wochen, um genau das für mich herauszufinden. Es regnet. Immer noch. Die Handschuhe sind noch nicht wieder trocken und es fühlt sich nicht besonders toll an wieder hineinzuschlüpfen, wie man sich vorstellen kann. Zum Glück erinnere mich daran, dass ich Heizgriffe montiert habe und nutze diese zum Trocknen und Wärmen der Handschuhe. Die Fahrt geht nun über Salzburg und Wien nach Ungarn. Noch vor der ungarischen Grenze quittieren die Heizgriffe ihren Dienst. Keine Ahnung was kaputt ist. What a crap!

Ungarn  (11./12.Mai 2013)

Wir passieren die ungarische Grenze und beschliessen, in der kleinen Stadt Mosonmagyarovar zu übernachten. Da wir durchnässt sind und dringend ein trockenes Hotelzimmer brauchen, fällt die Option Campingplatz weg. Unser Zimmer hat einen Haarföhn - was für eine geniale Erfindung! Handschuhe und Helm sind nach einer Dreiviertelstunde föhnen immerhin so trocken, dass über Nacht die restliche Feuchtigkeit entweichen sollte. Am nächsten Morgen stärken wir uns mit einem reichhaltigen Frühstück und brechen in Richtung Budapest auf. Ungarn ist ein schönes Land; die Landschaft durch die wir fahren, ist sehr ähnlich wie die in Österreich oder der Schweiz. Landschaftlich noch nichts Fremdartiges oder Auffälliges auszumachen. Viele Leute hier sprechen Deutsch und ich fühle mich noch nicht wirklich weit entfernt von Zuhause. Wir erreichen Budapest und wir halten an einer viel befahrenen Strasse nahe des Zentrums an, um unsere GoPro-Kameras zu montieren. Plötzlich ertönt ein schriller Alarm. Oh oh, ich weiss was es ist, denn es kommt aus meinem viel zu grossen vollgestopften Elektronik-Spielzeug-Sack. Jaja, ich musste unbedingt dieses kleine Alarmding haben, um böse Buben zu verscheuchen und jetzt suche ich es verkrampft in meinem Packsack, um das Ding zu töten. Ja, ich kille es auf der Stelle und stemple es als Bullshit ab. Dieses Wort wird mich noch öfters auf der weiteren Reise begleiten… Das nächste Mal genau zwei Minuten später, denn der Akku meiner GoPro-Kamera ist leer. Nein, nicht wirklich, aber das finde ich erst am Abend heraus. Offensichtlich ein Anwenderfehler und kein Technikproblem…ich werde wohl langsam alt (den neuen TV-Receiver zuhause kann ich auch nicht bedienen, aber behaltet das bitte für euch). Wie auch immer, Nevil’s Kamera funktioniert prächtig und er macht ein paar schöne Clips von unserer Fahrt durch Budapest. Es ist eine tolle Stadt und ich werde wiederkommen, denn leider müssen wir nun weiter. Wir queren einige Male die Donau, bis wir auf der richtigen Autobahn sind und am frühen Abend erreichen wir die rumänische Grenze.

Rumänien I  (13./14.Mai 2013)

Bei unserer ersten Grenzkontrolle, bei der wir unsere Pässe zeigen müssen, läuft alles unproblematisch ab und die Zöllnerin wünscht mir in gutem Deutsch eine gute Fahrt und eine tolle Reise. Bevor es weitergeht, belehrt mich ein älterer Herr (der extra hierfür sein Auto verlässt), dass wir bloss aufpassen sollen in Rumänien. Es werde alles gestohlen und es sei sehr gefährlich. Ich bedanke mich für den Hinweis und erinnere mich an die Reisefilme und Videos, in denen genau diese Szene bei jedem Grenzübergang auftaucht. Dann steht auch schon eine Frau vor uns, die unsere Windschutzscheibe am Motorrad putzen will und nachdem wir ablehnen, will sie unsere österreichische Vignette von unseren Motorrädern ablösen, um sie wieder zu verkaufen. Nein, das wollen wir beide nicht zumal noch andere Gestalten herumschleichen. Helm aufsetzen und ab die Post. Wir fahren über Landstrassen für etwa eine Stunde, ehe wir unser Motel für die Nacht beziehen. Dieses Motel ist eine schlechte Kopie aus amerikanischen Roadmovies und das Zimmer stinkt. Nevil bringt mir ein neues englisches Wort bei: „it mings“. Yes, it mings to hell! Als Ursache stellt sich schnell eine nicht ganz fachgerechte Sanitärinstallation heraus. Es ist Dauerlüften angesagt und wir sitzen bei offener Tür und offenen Fenstern bis weit nach Mitternacht im dunklen Zimmer vor den Laptops und schreiben unsere Blogs und bereiten die ersten Fotos für die Webseite vor. Nevil schläft bereits, als ich die Daten uploade. Ich habe in meinem Leben noch nie so viele platt gefahrene Katzen gesehen, wie in einer Stunde auf der rumänischen Landstrasse. Weil ich es zu spät bemerke, rolle ich ebenfalls über ein bereits plattes Katzenfell und es holpert ein wenig. Bäh, ich hasse mich dafür, aber was soll‘s – sie ist ja schon tot. Mir tut es jedes Mal in der Seele weh, wenn ich eines der armen Geschöpfe sehe, dessen Leben auf diese Weise enden musste.  Dann sind da noch die Hunde. Die Hunde sind komplett crazy und jagen Motorradfahrer. Wenn sie uns kommen sehen oder hören, rennen sie zur Strasse und jagen uns bellend nach. Sie sind schnell. Sehr schnell. Ich überlege mir, wie es wohl enden würde, wenn ich so ein Viech vor das Vorderrad bekäme. Es würde sehr wahrscheinlich für Hund und Mensch sehr übel enden. Ja, auf dem Zweirad enden Kollisionen dieser Art in der Regel mit einem Sturz. Im Gegensatz zu den motorradhassenden Hunden sind die Menschen sehr freundlich und fasziniert von zwei Reisemotorrädern mit fremdländischen Kennzeichen. Insbesondere das kanadische Nummernschild hinterlässt grosse Augen und offene Münder. Die Jungen am Strassenrand grüssen uns nickend oder winkend und drehen sich nach uns um. Ich glaube ich werde nie das Lächeln des kleinen Mädchens vergessen, das mir mit einem überglücklichen Gesicht zuwinkte, bis ich ausser Sichtweite war. Was für ein Sonnenschein! Der nächste Tag beginnt grandios mit trockener Witterung und faszinierenden Strassen. An alle Motorradfahrer da draussen: Rumänien ist Biker’s Paradise! Es gibt nahezu keine Autobahn und abgesehen vom Verkehr ist es ein Traum zum Motorradfahren. Wir navigieren zur berühmten Transalpina-Road. Wir nehmen den Pass in Angriff und steuern hochkonzentriert um die zahlreichen Schlaglöcher herum. Eines ist gar so tief, dass man einen Tannenbaum hineingestellt hat, dessen Spitze einen Meter herausragt, um darauf aufmerksam zu machen. Es geht über ein Stück abgerutschte Strasse durch den Schlamm. Auch wenn es nur zehn Meter sind, es ist eine Zitterpartie, denn hier wegzurutschen würde einer Schlammschlacht gleichen. Puh, geschafft! Wir fahren weiter auf der schneegesäumten Strasse bis kurz unter die Passhöhe und müssen stoppen, weil genau dort die Strasse von einer 60 Meter langen Schneeverwehung mit etwa 40 cm Schnee bedeckt ist. Ich fasse mir ein Herz und probiere es auf einem schmalen Pfad, auf dem der Asphalt durchschimmert. Plötzlich geht es nicht weiter, das Vorderrad hat keinen Grip mehr und ich kann nur noch rückwärts Richtung schneefreier Strasse rutschen. In dem Moment weiss ich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich das Bike nicht mehr halten kann. Uns so passiert es auch und ich schmeisse die XT weg. Ich lasse das schwere Teil einfach umfallen, denn ich will mich nicht bei dem Versuch verletzten, es am Fallen zu hindern – das funktioniert sowieso nie. Ein Liter Benzin auf der Strasse, zwei blaue Flecken, die ersten Kratzer auf der rechten Seite des Motorrades, aber sonst alles in Ordnung. Die andere Traumstrasse Transfăgărășan” wird leider noch einige Monate vom Schnee bedeckt sein und ist gesperrt. Schade, wir sind zu früh dran. Wir drehen um und fahren -im Regen wohlgemerkt- zu Nevil’s Freunden Chris und Alina nach Braşov. Wieder einmal sind wir froh, ein Dach über dem Kopf zu haben und freuen uns, einheimisch bekocht zu werden. Es gibt viel zu erzählen und so kommen wir erst um ein Uhr morgens ins Bett. Chris organisiert uns einen befreundeten Touristenführer, sodass wir am nächsten Tag, Dienstag 14. Mai, eine sehr spannende Reise durch die Geschichte Rumäniens und Transsilvaniens erleben dürfen. Niko weiss unglaublich viel zu erzählen und schliesslich erreichen wir das berühmte Bran Castle. Kennt ihr nicht? Wahrscheinlich ist euch der Begriff Schloss Dracula geläufiger. Es ist so ein faszinierender Ort und die ganze Vampirgeschichte Drumherum ist eine Erfindung des irischen Schriftstellers Bram Stoker. Bis vor wenigen Jahren haben die Einheimischen nicht einmal gewusst, was die Touristen eigentlich wollen, wenn sie nach Schloss Dracula gefragt haben. Vlad Dracula heisst eigentlich nur der Sohn von Vlad Dracul. Der Grossvater von Dracula war Herrscher über Bran Castle und man weiss nicht einmal genau, ob Dracula jemals dort gewesen ist. In der rumänischen Geschichte gibt es leider kaum schriftliche Aufzeichnungen. Naja, lange Geschichte und ich kann mir nicht alle Details merken, die uns Niko erzählt.  Nachdem wir auch noch die Festung von Rasnov besichtigt haben, statten wir nach einem Mittagessen der Stadt Braşov einen Besuch ab. Zurück in Chris und Alinas Haus, geht es an die Computerarbeit. Dabei stört es gar nicht, dass die kleine Eva um uns herumläuft und uns, sowie unser Elektronikspielzeug ,sehr interessant findet. Während ich hier schreibe, macht Chris das Feuer für das BBQ bereit und Alina steht in der Küche. Die beiden sind so gastfreundlich, dass ich schon fast ein schlechtes Gewissen bekomme. Morgen wollen wir in Richtung Bukarest aufbrechen und bereiten uns ein wenig vor, bevor es gleich typische rumänische Spezialitäten gibt.

Rumänien II  (15./16.Mai 2013)

Nach dem Morgenkaffee verlassen wir Braşov und brechen in Richtung Bucuresti (Bukarest) auf. Da ich seit dem ersten Tag unserer Reise neidisch auf Nevil’s cruising pegs / highway pegs bin, und ich meine langen Beine zwischendurch mal etwas mehr strecken muss, schauen wir bei den Jungs von NESW-Moto im Westen von Bukarest vorbei. Nachdem uns Radu, ein lokaler Biker, zu dem Laden führt, erklären wir den Jungs, was mein Herz begehrt: es sollen bequeme Fussrasten an mein Bike und die Werkzeugrolle muss auch irgendwie besser befestigt werden. Die Vier machen sich direkt an die Arbeit; es werden kaum Worte gewechselt, jeder scheint irgendwie zu wissen was er zu tun hat. Wir bewundern ihre perfekt eingerichtete Werkstatt, die alles beinhaltet, was das Bastlerherz begehrt. Sie bauen übrigens in Handarbeit gut verarbeitete  Alukoffer, welche den Trox-Boxen zum Verwechseln ähnlich sehen. Vielleicht ist die Kopie besser als Original. Die Jungs sind alle Biker und wissen worauf es ankommt. So halte ich nach eineinhalb Stunden Arbeit meine neuen Cruising-Fussrasten mit integrierter Werkzeugboxbefestigung in den Händen. Wow, nun kann ich die Beine mal zwischendurch strecken! Wir machen uns auf den Weg auf die Ostseite der Stadt und nehmen die Ringstrasse um Bukarest. Was für eine beschwerliche Fahrt. Dank Nevil’s GPS finden wir die richtige Gegend und nach ein paar Erkundungen finden wir tatsächlich zum Block, in dem Andreea und Alex wohnen. Die beiden sind 2009 mit dem Motorrad durch Süd- und Nordamerika gereist und haben in Canada dann Nevil kennengelernt. Nun sind wir also bei ihnen und schleppen unser gesamtes Gepäck in den dritten Stock hinauf. Es gibt auch einen Lift, aber nachdem ich darin stecken blieb, entschieden wir uns für den darauffolgenden Gepäcktransport für die Treppe. Die Motorräder sind nun ganz „nackt“ und alles was irgendwie gestohlen werden könnte, haben wir in die Wohnung gebracht. Die Suzuki wird an einen Baum gekettet und die Yamaha an einen Zaun. Da ich nur ein billiges Fahrradschloss habe, blockiert Andreea noch mit ihrem Auto mein Bike. Sie kocht für uns rumänische Spezialitäten und wir werden von ihr eingeladen, eine kurze Stadtrundfahrt mit ihrem Auto zu machen. Wow! Bukarest ist eine tolle Stadt! Allerdings ist der Verkehr gewöhnungsbedürftig – gut war ich zweimal mit dem Motorrad in Palermo unterwegs, sodass es mich weniger schockt, als meinen kanadischen Partner. Ich hätte nicht erwartet, dass diese Stadt so interessant ist und so viele Sehenswürdigkeiten, insbesondere historische Gebäude, zu bieten hat. Wir nehmen in einen Café Platz und trinken unseren ersten rumänischen Margarita. Selbstverständlich draussen, denn um zehn Uhr abends sind hier um die 20°C. Bukarest hat viele schöne Restaurants und Cafés; die Gassen der Altstadt werden von Stühlen, Tischen und Sonnenschirmen gesäumt und die Stadt versprüht diesen typischen Charme einer Weltstadt, wie sie Budapest oder Prag verkörpern. Ich könnte stundenlang hier sitzen, Margaritas trinken und einfach die Leute beobachten. Überall auffällig hübsche Frauen, die sich zu kleiden wissen. Der Osten hat schon seinen Charme – da kann Westeuropa lange nicht mithalten…Italien ausgenommen ;-) Am nächsten Tag werden wir von Andreea mit dem Auto auf Shoppingtour chauffiert. Es muss ein neues Schloss für mein Motorrad her, sowie ein paar gute Qualitäts-Flicken zum Reparieren von Reifenschäden. Bei einem Reifenhändler erstehe ich 20 Rema TipTop Flicken made in Germany. Wir finden in einem Motorradladen schliesslich auch das Schloss und kaufen Abdeckplanen für die Motorräder. Wir werden sicher froh sein, wenn wir diese damit quasi unsichtbar machen können. Andreea zeigt uns dann die Stadt - diesmal bei Tageslicht. Sie ist eine wunderbare Touristenführerin und überhaupt ist sie so lebensfroh und lieb, dass ihre gute Laune ansteckend ist. Wir haben viel zu lachen und erfahren etwas mehr über die „Gypsys“, wie die Zigeuner genannt werden. Niemand kann diese Minderheit hier leiden, weil sie betteln, stehlen und belagern. Es ist jedoch nur eine kleine Gruppe von Menschen -  eine Minderheit, mit all ihren Problemen aber auch ihren Berechtigungen. Mensch ist Mensch. Wenn man bei uns an Rumänien denkt, dann denkt man an diejenigen, die hier die Gypsys sind. Völlig falsch! Die rumänischen Landsleute sind komplett anders. Offen, hilfsbereit, ehrlich und ich denke wirklich gute Menschen. Nevil und ich sind uns einig: Rumänien hat uns bisher am meisten überrascht, was Land und Leute angeht. Ich glaube in diesem Land steckt enorm viel Potenzial für die nächsten zehn Jahre. Irgendwann kommen wir wieder! Wir treffen Mihai Barbu und er berichtet uns von seinen Reiseabenteuern mit seinem Kumpel „Doyle“, seiner BMW F650 Dakar. Er hat sogar ein tolles Buch geschrieben und wahnsinnig tolle Fotos gemacht. Fazit des Gespräches: die Mongolei soll schlimm zum Fahren sein. Wie schlimm? Sehr schlimm. Ok, wir werden es sehen. Es war eine Ehre, Mihai zu treffen. Er ist eine Legende in Rumänien und wenn er sein Buch in englischer Sprache veröffentlichen würde, wäre dies sicher ein Topseller auf der ganzen Welt. Der Abend wird mit einer Flasche Rotwein mit Alex und Andreeas Freunden abgerundet. Tolle Menschen dürfen wir hier kennenlernen. Ich fühle mich sofort komplett integriert in diesen Freundeskreis, das habe ich nur selten erlebt. Am nächsten Morgen machen wir uns auf dem Weg nach Moldawien. Andreea geleitet uns noch zur richtigen Strasse aus der Stadt heraus. Danke für eure Gastfreundschaft, Andreea und Alex!

Moldova / Transnistrien  (16./17.Mai 2013)

Der Grenzübertritt von dem Ort Husi nach Moldova ist unkompliziert. Wir fahren Richtung Chisinau, aber wollen die Stadt meiden. Moldova ist wunderschön. Rumänien war es auch, aber jetzt fahre ich durch eine wundervolle Naturlandschaft. Die Wiesen sind saftig grün, die Sonne scheint, Weidevieh und Pferde grasen genüsslich das frische Grün. Hier scheint die Natur noch in Ordnung zu sein (keine Ahnung wie es in den Städten aussieht) und ich würde so gern mein Motorrad abstellen und mich auf eine dieser Wiesen in die Sonne legen. Leider wollen wir aber noch heute in die Ukraine weiterreisen, sodass ich diesen Gedanken weiterträume, bis plötzlich an einem Brückenkopf ein Militärposten und einige gepanzerte Fahrzeuge auftauchen. Jedes Fahrzeug wird einzeln durchgewunken und genau in der Mitte der Brücke wechseln die Schilder von lateinischen Buchstaben in kyrillische Schrift. Was passiert hier gerade? Oh, da vorne scheint noch so ein Militärcheckpoint zu sein. Nein, das ist ein Grenzübergang! Aber wir sind doch noch lange nicht an der Grenze zur Ukraine, also was zum Teufel soll das hier? Wir stehen schwer bewaffneten Zöllnern gegenüber, die ihre Barrieren nur für jedes Fahrzeug einzeln öffnen, damit man ein paar Meter parken und die Formalitäten erledigen kann. Als wir hier warten studieren wir die Landkarte und entdecken tatsächlich eine gestrichelte rote Linie, die normalerweise als durchgezogene Linie eine Landesgrenze markiert. Wir sind an der Grenze zu Transnistrien! Transnistrien ist eine de facto autonom agierende sezessionistische Region, die sich als unabhängiger Staat betrachtet, aber international bislang von keinem anderen Staat anerkannt wurde und völkerrechtlich nach wie vor innerhalb der Grenzen der Republik Moldau liegt. Seit 2001 ist Transnistrien Mitglied der Gemeinschaft nicht anerkannter Staaten. Bis heute bemüht sich die transnistrische Regierung um eine internationale Anerkennung des Staates. Wir bekommen zu spüren, dass die Regierung dies dort sehr ernst nimmt mit dem Möchtegernstaat-Sein und wir machen eine anderthalbstündige Bürokratieübung mit. Passport-Control, Immigrations, Customs. Das übliche Dreigestirn beim Grenzübertritt, aber alles in Zeitlupe mit unendlich vielen Formularen und Kontrollfragen. Nevil sitzt im Büro des Zollbeamten und beantwortet Fragen, während ich draussen warten muss. Man will nicht beobachtet werden und man will nicht, dass man sich untereinander absprechen kann. Man soll schliesslich brav die Wahrheit sagen. Das ganze Prozedere endet dann damit, dass man stolze 2.- Euro Gebühr entrichten muss. Der Beamte hat ein echtes Problem auf einen 10-Euroschein herauszugeben. Ich würde so gerne auf das Wechselgeld verzichten, um vorwärts zu kommen, aber das würde wie Bestechung aussehen und vermutlich nicht gebilligt werden. So warte ich geduldig, bis er das Wechselgeld herausgekramt und gezählt hat. Um sicher zu gehen, zählt er es dreimal. Ich will das Geld wegstecken und er ermahnt mich, nachzuzählen: es müssen acht Euro sein – das soll ich bitte prüfen. Ich tue so, als ob ich zähle und schmeisse die Münzen ins Portemonnaie. Wir dürfen endlich passieren. Heute Nacht wollen wir unbedingt ein Hotel finden. Gemäss der Aussage des Zollbeamten soll es zwei Hotels geben. Auf der Suche danach frage ich eine junge Mutter mit einem Mix aus Englisch und Deutsch. Sie weiss es jedoch nicht, aber da taucht aus dem Nichts heraus ein Typ im Auto auf, hupt ganz wild und sagt uns, wir sollen ihm folgen. „Hotel?“, „Da! Hotel! Follow me!“. Na gut, also hinterher. Wir passieren wieder einen Militärposten und wir scheinen wieder in Moldawien zu sein. Ganz sicher sind wir jedoch nicht, denn wir können einfach durchfahren, nachdem der Typ den Soldaten irgendetwas zugerufen hat. Mittlerweile ahnen wir, dass die Reise nicht zu einem Hotel geht, denn wir sind längst aus der Stadt Dubasari raus. Ein Stück entlang der Moldau und wir sind beim Eingang zum Bikerfestival „Moldovan 2013“. Der Typ dachte wohl, dass Biker zu anderen Bikern wollen und nicht ins Hotel. Ok, hier stehen wir also und wir werden mit grossen Augen angeschaut. Wir sind definitiv diejenigen mit dem längsten Anreiseweg und mit dem meisten Gepäck. Wir bekommen prompt ein Member- Armband und wir werden kostenlos auf das Festivalgelände gebeten. Wir fragen nach einem ruhigen Platz zum Schlafen und bauen unsere Zelte möglichst weit entfernt von der Bühne auf, auf der eine Rockband ihre Songs zum Besten gibt. Gar nicht so schlecht die Jungs, sie machen gute Musik. Nun ist es Zeit zum Schlafen gehen und wir wollen nach einer kurzen Brotzeit mit Bündner Salami aus den Alukoffern in unsere Betten gehen. Aus diesem Vorhaben wird jedoch nichts, denn das Securitypersonal bittet uns inständig zur Übergabe eines Präsents mitzukommen. Von dem Moment an sind wir Mittelpunkt des ganzen Abends und des Festivals. Wir versuchen uns nach einer Weile zu verdrücken, aber wir werden gebeten, auf den Veranstalter zu warten. Er sei ein sehr stabil gebauter Zeitgenosse und es wäre unklug, seinem Wunsch zu widersprechen. Er ist ein in Wirklichkeit ein netter Typ, der uns herzlich empfängt. Seine erst Frage lautet: „soll ich euch Frauen besorgen?“ Haha, willkommen im Osten – diese Art von Gastfreundschaft wird uns noch eine ganze Weile begleiten. Wir fragen ihn jedoch nach Frauen mit anderen Qualitäten, nämlich nach welchen die gut Englisch sprechen können. Prompt eilt auch schon  die auffällig hübsche blonde Olga herbei, die uns auf gutem Englisch erläutert, was hier vor sich geht: wir sollen auf die Bühne und ein paar Worte ans Publikum richten – wir sollen einen Preis für die weiteste Anreise erhalten! Wir hätten noch genau die Dauer eines Songs Zeit, um uns zu überlegen, was wir sagen wollen. Lampenfieber, schnell ein Bier trinken. Ok, jetzt ist es besser. Und da werden wir schon angekündigt. Wir bahnen uns unseren Weg von zuhinterst bis nach vorne auf die Bühne und ich kann vor lauter Scheinwerferlicht kaum etwas sehen. Nevil beginnt mit seiner Ansprache und ich selbst kann noch ein paar Sekunden überlegen, was ich sagen will. Vorher hatte ich ja ein Bier getrunken und deshalb keine Zeit zum Überlegen…super. Das Publikum ist begeistert von Nevil’s Worten, die Olga übersetzt. Nun bekomme ich das Mikrofon in die Hand und es sprudelt aus mir heraus - gut, dass ich mir keine Sätze zurecht gelegt habe. Ich lobe das tolle Land, die freundlichen Biker, die schönen Frauen – die Menge tobt. Genial, geschafft! Und alles was ich sage, meine ich auch so. Nevil bekommt unser Präsent in einer Plastiktüte überreicht – schliesslich ist er Star aus Canada. Keine Ahnung was drin war, denn er lässt den sperrigen Inhalt später irgendwo elegant verschwinden. Wir haben leider keinen Platz für solch grosse Dinge. Die Groupies wollen uns kaum gehen lassen und drängen sich zur Bühne, um unsere Hände zu schüttelt. Wir sind Stars! Nach ein paar Tanzeinlagen im traditionellen moldawischen Tanz begeben wir uns wieder zu unseren Motorradjacken, welche von einem eigens dafür abgestellten Wachmann vor fremdem Zugriff geschützt wurden. Wir gönnen uns noch ein Bier und schleichen irgendwann möglichst unbemerkt auf Umwegen zu unseren Zelten – ja wir sind tatsächlich Stars ;-) Mein Zelt steht unter einer Laterne und die Musik will trotz Öhrstöpseln und Schlafsack über dem Kopf nicht leiser werden. Na dann, gute Nacht. Hoffentlich fällt kein betrunkener Biker auf mein Zelt oder stellt sonst was an. Tagwach um 6 Uhr morgens, ein schneller Kaffee, Sachen packen, Zelte abbauen und los, bevor uns jemand hierbehalten möchte. Einladungen dazu hatten wir reichlich. Wir machen uns auf zur ukrainischen Grenze.

Ukraine (18.-21.Mai)

Hier erwartet uns ein zweistündiges Prozedere und ich nutze die Wartezeit, um auf die Toilette zu gehen. Toilette? Nein, ich bekomme stattdessen das grausamste Stehklo zu sehen, was ihr euch vorstellen könnt. Ich habe keine Wahl, ich muss und zwar dringend. Genau für diese Augenblicke habe ich ein paar Blätter WC-Papier in meinen Hosentaschen verstaut. Augen zu und durch. Ihr möchtet keine Details erfahren, glaubt mir. Ich habe das leise Gefühl, dass dieses Klo nicht das schlimmste auf unserer Reise bleiben wird. Wir warten zwei Stunden auf einen kleinen Zettel mit zwei Stempeln drauf, fahren 200 m weit und geben diesen Zettel beim Checkpoint wieder ab. Wow, wer hat sich wohl diesen effizienten Prozess ausgedacht? Die ersten zehn Minuten finde ich die ukrainische Landschaft ganz schön, denn es geht auf und ab, wie in einem kleinen Boot auf einem Ozean. Die Wellen sind jeweils etwa 35 m hoch und ziehen sich über einen oder zwei Kilometer hin. Es beginnt langweilig zu werden. Wir weichen tausenden von Schlaglöchern aus – die Strasse ist wirklich schlecht. Wir können jedoch mit ca. 80 km/h reisen, was gar nicht so schlecht ist. Ich bin hochkonzentriert und mittlerweile richtig gut im Ausweichen von Schlaglöchern. Ich erwische nur die harmloseren, denn komplett drum herumfahren kann man gar nicht, weil die Strasse nur aus Schlaglöchern und Flicken besteht. Es ist schon sehr gemein, wenn Schlaglöcher vom Schatten der Bäume überlagert werden und man sie nicht erkennt. Ich sehe dieses grosse Exemplar vor mir im Schatten auftauchen, versuche noch etwas herunterzubremsen, aber fahre voll hindurch. Nevil, der hinter mir fährt, sagt mir später, dass er dachte ich würde stürzen. Ich fange das Bike aber gut und halte es gerade. Sofort weiss ich, dass etwas kaputt ist. Ich halte sofort an und sehe den Ausgleichsbehälter meines Hinterrad-Federbeins neben mir her schleifen. Das Hydrauliköl des Stossdämpfers sprüht auf den Asphalt. Nun ist es hin, das schöne neue teure Ding von Wilbers. Die Schadenaufnahme wird gemacht und alles provisorisch befestigt. Mein Motorrad ist nach einer Stunde wieder fahrbereit und es fühlt sich an, als ob ich auf einer Schiffschaukel unterwegs bin, denn die Dämpfung ist hinüber. So schaukel ich dann die nächsten 250 km bis zur Stadt Krywyi Rih (Krivoy Rog), bis wir auf einer Hauptstrasse einen Stopp einlegen, um die Karte zu studieren. Igor hält mit seiner GSX-R neben uns und fragt, ob er helfen kann. Ich schildere ihm mein Problem und er greift zu seinem Handy. Nach einigen Telefongesprächen und danke Google-Translate auf seinem Smartphone kommen wir der Sache etwas näher. Es ist heiss und Igor zieht seine Jacke aus. Sein Schulterholster mit seiner Waffe und die zwei Reservemagazine liegen nun auf Nevil‘s Bike. Als Mitglied der „Black Ravens“ muss man sich scheinbar ab und zu mal verteidigen zu wissen. Bald steht auch der Clubpräsident vor uns und organisiert uns einen Ansprechpartner eines befreundeten Bikeclubs in der nächsten Grossstadt Dnepropretovsk, in welcher es eine Yamaha-Werkstatt geben soll, die auch sonntags geöffnet hat. Wir folgen also Igor, der uns freundlicherweise aus der Stadt geleitet. Aus der Stadt? Nein, irgendwie haben wir das falsch verstanden, denn er fährt mit uns die ganzen 180 km bis ins Zentrum von Dnepropretovsk. Dort empfängt uns ein silberberner Mitsubishi und führt uns zur Yamaha-Werkstatt. Wir werden bereits von Nicolay erwartet und an ihn „übergeben“. Nicolay ist ein Mitglied des „Angels MC“, wie man auf seiner Lederweste unschwer erkennen kann. In den nächsten Stunden und den darauffolgenden zwei Tagen stellt er sich als ausgezeichneter Gastgeber und sehr liebenswürdiger Mensch heraus. Im Nu werden Hotel, Abendessen und Stadtrundfahrt organisiert. Abgesehen von der Hotelübernachtung zahlt er alles für uns. Dies wird auch in den nächsten Tagen so weitergehen. Die Stadtrundfahrt muss man sich so vorstellen: ein Jaguar hält vor dem Hotel, der Präsident der MC Angels, Arthur, steigt aus, begrüsst uns herzlich und chauffiert uns durch die Stadt. Wir trinken Espresso, während wir entlang der Promenade des Flusses Dnepr schlendern und den Sonnenuntergang geniessen. Dieser Fluss und die Promenade ist gewaltig: er misst an dieser Stelle einen Kilometer Breite und an der breitesten Stelle sind es wohl bis zu drei Kilometern. Der nächste Tag zeichnet sich durch harte Arbeit an meinem Stossdämpfer aus. Max, von dem ich vor einigen Monaten mein Federbein gekauft hatte, ist zum Glück am heutigen Feiertag telefonisch zu erreichen und er beschreibt mir, wie ich das Teil evtl. flicken könnte. Der ursprüngliche Plan war, meine Feder auf ein Originalfederbein zu montieren, welches Andrej an seiner XT600 ausgebaut und 40 km zu uns in die Stadt gebracht hat. So ein Aufwand extra für uns. Er bleibt den ganzen Tag und kommt auch am nächsten Morgen wieder, um uns bei der Arbeit zu unterstützen. Also gut, ich weiss jetzt wie man so ein Federbein repariert, Hydrauliköl einfüllt und das Luftpolster wieder aufbaut. Der Arbeitstag endet mit einer Einladung zum BBQ in einem Park und später in Arthur’s luxuriöser Wohnung. Alle sind so unglaublich gastfreundlich und hilfsbereit. Wir haben so ein Glück, so tolle und gute Menschen treffen zu dürfen. Insbesondere Nicolay ist uns ans Herz gewachsen – und wir ihm. Er ist in zweieinhalb Tagen zu einem tollen Freund geworden. Er möchte uns in der Schweiz und in Canada besuchen kommen. Wow, das wäre wirklich toll, wenn wir uns bei ihm revanchieren können. Morgens begleitet er uns noch aus der Stadt und an einer Tankstelle werden wir einem anderen Biker namens Andrej „übergeben“. Er führt uns in Richtung Donetsk, aber er bittet uns inständig in seinem Haus zu übernachten. Seine Frau Natascha serviert uns Borschtsch, Brot mit Ei, Kartoffeln und Salat. Dazu gibt’s hausgemachten Tomatensaft und natürlich Vodka. Nach ein bisschen relaxen und Computerarbeit, trinken wir vor seinem Haus ein Glas Krimsekt und geniessen die sommerlichen Temperaturen. Gut , dass die einzige Hose, die ich jetzt für Monate besitze, eine zip-off Hose ist. Andrej hackt etwas Holz und entzündet ein Feuer, über dem schon bald die Schaschlik-Spiesse braten. Gerade rechtzeitig zum Essen kommt Dimas, ein freundlicher junger Mann, der die englische Sprache studiert. Natürlich ist er nicht zufällig hier; er wurde gebeten, die „Exoten“ in diesem kleinen Ort zu besichtigen und für die Verständigung zu sorgen. Für den Rest des Abends haben wir also unseren Dolmetscher und bekommen von Andrej interessante Infos zur Road of Bones nach Magadan. Er hat diese Tour letztes Jahr mit seiner XT660 Tenere gemeistert. Respekt. Nataschas Pancakes mit hausgemachter Konfitüre bzw. mit Kaviar sind ein Genuss und ich wünsche mir diese mit einem bettelnden Blick für den nächsten Morgen zum Frühstück.

Russland (22.-26.Mai)

Als wir die Grenze zu Russland erreichen, rechnen wir mit einer schier unüberwindbaren Bürokratie und fürchten, dass wir all unser Gepäck vor den Beamten ausbreiten müssen. Ganz so schlimm kommt es allerdings nicht. Wir wollen den ersten Checkpoint passieren, als wir aufgefordert werden, unsere ausgefüllte immigration card zu zeigen. Da wir keine haben, gibt uns der Beamte zwei leere Exemplare und wir schieben die Motorräder zehn Meter rückwärts, um den Weg für andere Fahrzeuge freizugeben. Danach geht es zum richtigen Zoll. Erst Customs, dann Immigration, dann Passport-Control. Also eine etwas andere Reihenfolge als bisher (und ich dachte schon, es gäbe so etwas wie ein einheitliches Prozedere – nein, nicht wirklich). Es ist immer wieder lustig zu sehen, wie die Grenzbeamte schier verzweifeln, wenn sie Nevil’s kanadischen Pass und die Fahrzeugausweis in den Händen halten. Dreimal wird das Nummernschild besichtigt, mit den Papieren verglichen, in den Computer geschaut, gefragt, warum das Motorrad in Alberta registriert ist und nicht in Kanada und schliesslich irgendwann begriffen wird, dass Alberta in Kanada liegt. Als Nevil dann auch noch seinen englischen Pass zeigen muss, weil dort der Ausreisestempel der Ukraine drin ist, er aber sein Russlandvisum im kanadischen Pass hat, schauen sich alle mit grossen Augen an. Auch an mir beissen sie sich fast die Zähne aus: warum hat ein deutscher Staatsbürger ein Motorrad, welches in der Schweiz registriert ist? Wieso wurde mein deutscher Pass in Bern (CH) ausgestellt? –  das ist doch alles sehr verdächtig. Der Soldat ganz in schwarz, vermutlich der Mann fürs Grobe, hat jedoch Freude an unseren Bikes. Wir beantworten seine Fragen (eine Frau übersetzt) wahrheitsgemäss: nein, keine Waffen, Munition, Sprengstoffe oder Messer mit langen Klingen an Bord. Dies prüft er stichprobenweise, aber wir müssen nicht das komplette Gepäck ausräumen; nur einzelne Taschen öffnen.  Vielleicht liegt es auch an dem T-Shirt, welches er in einem unserer Koffer sieht sowie dem Aufkleber, der meinen Koffer verziert: Angels MC. Er sieht das Logo und sagt sowas wie „ah…Arthur?“ – er hat wohl von ihm gehört oder kennt ihn möglicherweise. Von da an geht alles ganz  unkompliziert, mal abgesehen davon, dass ich ein Kreuzchen falsch auf einem Formular gesetzt habe und alles zweifach neu ausfüllen muss, weil durchstreichen und korrigieren verboten ist. Ok, dann zahle ich halt heute Abend die Drinks. So, wir sind also in Russland! Das ging ja relativ einfach und wir haben nur 3 Stunden gebraucht. Aber woher bekommen wir jetzt die Haftpflichtversicherung für unsere Motorräder? Wir müssen hier eine Versicherung kaufen, denn in Russland ist unsere nicht gültig. Wer einen Blick auf seine grüne Versicherungskarte wirft, wird schnell feststellen, dass man für eine längere Reise dann bald auch die Grenze des Deckungsumfangs erreicht. Jedenfalls können wir eine Versicherung für 100 Euro an einem kleinen Häuschen unweit der Grenze kaufen. Angeblich gilt die auch für Kasachstan. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass wir dort nochmal zahlen müssen. Wir wissen ja nicht einmal was auf dem Formular steht, welches wir bezahlt und unterschrieben haben. Ich hoffe es ist nicht die Heiratsurkunde (oder Kaufvertrag) für Lena - die junge Dame, mit der ich mich „unterhalten“ habe, als ich die Bikes bewachte, während Nevil den zwei älteren Damen im Haus die Angaben für unsere Versicherung erklärte. „Unterhalten“ in Anführungszeichen , weil man mit der Zeit sehr einfallsreich wird, Informationen auszutauschen ohne jegliche Englischkenntnisse des Gegenübers. Naja, noch schnell ein Erinnerungsfoto, einen Zettel mit dem Link zu unserer Webseite in die Hand gedrückt und auf geht’s zur Hotelsuche. Wir finden schliesslich mit einer 200 Rubel teuren Unterstützung einer Taxifahrerin endlich das gesuchte Businesshotel. Ich gebe ihr gerne das Geld, denn wenn jemand ein neues Auto braucht, dann sie – ein Wunder, was Rost noch so zusammenhalten kann. Wir möchten sichergehen, dass unsere Pässe ordnungsgemäss registriert und die immigration card vom Hotel abgestempelt wird, damit es später bei der Ausreise keine Probleme gibt. Wir checken ein, sichern die Motorräder und gönnen uns die kleine Flasche Vodka aus der Minibar mit dem treffenden Namen „Kalashnikov Vodka“: Welcome to Russia! Dazu gibt es die Salami aus dem Coop Au-Wädenswil, denn sie hat nun bereits 3900 km Reise hinter sich und wir möchten ihr nicht länger die Temperaturen von etwa 35 Grad zumuten; in den Alukoffern ist es sicher 50 Grad heiss. Auf unserem Weg nach Astrachan halten wir staunend an einem eindrücklichen Denkmal an. Es ist eine riesige Beton- und Stahlskulptur, die bestimmt 50 Meter lang frei schwebend in einem Winkel von 30° in den Himmel ragt. An deren Spitze sieht man zwei hintereinander angeordnete Panzer, die zu sagen scheinen „legt euch nicht mit Russland an“. Wir treffen an diesem Ort auch zwei Tschechen, die mit ihren schlammverschmierten BMW 1150 GS Halt machen und mit uns ein Schwätzchen halten. Die Jungs scheinen einen tollen Ritt hinter sich zu haben. Sie warnen uns noch vor den Fliegen und Moskitos auf dem Weg nach Astrakhan; sie wollten seit 3 Stunden am Strassenrand eine Pinkelpause machen, haben es sich aber bis hierher verkniffen, denn wer will schon Mückenstiche in den sensiblen Körperregionen riskieren? Heute machen wir über 500 km gut und finden abends ein gut ausgeschildertes kleines Familienhotel in einem unscheinbaren Dorf etwas abseits der Hauptstrasse. Die Motorräder parken im abgeschlossenen Hof und zu unserer Überraschung sind die Zimmer gut ausgestattet und sehr sauber. Hier putzt die Familienmutter eben noch selber und ist stolz auf ihren Betrieb. Sie erhitzt für uns Tiefkühlpizza in der Mikrowelle und dazu gibt’s eine grosse Flasche Mineralwasser, die fast in einem Zug geleert wird. Bald gehen wir schlafen, denn ohne Internet gibt’s nichts Spannendes zu tun hier. Eigentlich wollten wir ja kurz hinter Volgograd campen und das Ufer dieses gigantischen Flusses lädt dazu ein. Es wäre so schön gewesen, vom Zelt aus den Containerschiffen und Tankern zuwinken zu können. Leider hatten wir die Rechnung ohne die Moskitos gemacht! Sobald man anhält, umkreisen einen tausende von den Viechern. Also entschlossen wir uns, ein Hotel zu suchen, was ja auch kurz vor Einbruch der Dämmerung glücklicherweise geklappt hat. Unsere Helmvisiere, Windschutzscheiben, Kleidung und alles was in der Flugbahn der Insekten lag, ist übersäht mit Moskitoleichen, die mittlerweile eine fast homogene klebrige Masse bilden. Jetzt begreife ich, weshalb die Männer hier alle rauchen – das hält die Moskitos vom Kopf fern. Am nächsten Morgen stehen wir sehr früh aus, da wir glauben, dass die Moskitos dann noch nicht so aktiv sind. Falsch gedacht. Als ich mein Bike bepacke, fressen sie mich durch mein T-Shirt hindurch auf. Den ganzen folgenden Tag über habe ich einen warmen Rücken, Bauch und Nacken. Die Stiche brennen heiss vor sich hin unter meiner Motorradkleidung. Nach einem kurzen Polizeistopp, der nicht der Kontrolle dient, sondern nur aus Interesse an uns stattfindet, erreichen wir Astrakhan – eine eigentlich gar nicht so üble Stadt mit ihrem grossstadttypischen Verkehrschaos. Völlig orientierungslos sehen wir plötzlich das Hochhaus, das unser neues Heim für die nächsten zwei Tage sein wird: das ParkInn by Radison. Es hat einen schönen sicheren Parkplatz mit Securitypersonal. Aber das Beste ist, dass hier in der Stadt kaum Moskitos sind, sodass man sich in Shirt und Shorts frei bewegen kann. Ich nutze die Zeit bis zum Bezug des einzigen noch freien Zimmers zum Neupacken meines Motorrads. Insgesamt verbringe ich 6 Stunden in der prallen Sonnen mit Ausprobieren, Packen, Entpacken, Überlegen, Neupacken, wieder abpacken, Neupacken, Verzweifeln, Ausmisten, Neupacken usw. Schliesslich gelingt es mir, mit Hilfe von Nevil’s konsequenten Fragen, ob ich dies und jenes tatsächlich brauche, eine optimierte Variante, welche am Heck nicht so hoch baut und mir eine bessere Schwerpunktlage gibt. So, jetzt habe ich ein grosses kühles Bier an der Hotelbar verdient. Beim Abendessen entscheiden wir uns, noch eine Nacht länger zu bleiben, um uns auf den Höllenritt durch Kasachstan vorzubereiten. Wir gehen in einer riesigen Shoppingmall asiatische Nudelpäckchen, Thunfischdosen, Papiertaschentücher, Moskitospray und Kleinkram kaufen. Zusammen mit dem Wasser aus dem Hotel, welches wir durch unsere Wasserfilter fliessen lassen, sollten wir nun für eine Woche Camping gerüstet sein. Ich prüfe noch die wichtigsten Schrauben am Bike, ob sie sich gelockert haben, öle meine Kette und decke das Motorrad wieder mit der in Bukarest gekauften Plane ab. Es ist erstaunlich, wie so eine einfache Plane, ein voll ausgerüstetes Adventure-Bike nahezu unsichtbar und uninteressant machen kann. Danke für den Tipp, Andreea! Abends besichtigen wir noch etwas die Stadt am Rande der Volga und wir unterhalten uns mit der Rezeptionsdame Diana. Sie spricht einigermassen gut Englisch und freut sich, dass wir uns mit ihr unterhalten und dass wir immer so freundlich lächeln. Wir sind zweifelsohne ein auffälliger Kontrast zu den ganzen Businessmen hier im Hotel. Die Menschen sehen hier schon ganz anders aus, als in den letzten zwei Wochen unserer Reise. Wir sind nun dort angekommen, wo der asiatische Einfluss nicht mehr zu übersehen ist. Daneben sind Gesichtszüge der Turkvölker zu erkennen, jedoch nur ganz dezent. Sehr interessant -und völlig neu für mich- sind einige junge Frauen, bei denen diese beiden Einflüsse mit westlichem Aussehen vermischt sind. Diese Kombination habe ich noch nie vorher gesehen. So gibt es jeden Tag wieder neue Dinge, über die ich staunen kann. An dieser Stelle ein kurz Einschub, was sich etwa 3000 km von hier vorgestern in Kasachstan ereignete. Nevil’s Bruder Andy war uns einige Tage mit seinem Motorrad als Alleinreisender voraus und er hatte fast die gleiche Route wie wir. Leider ist ihm seine Yamaha XT600E vor einem Hotel abgebrannt. Ihm ist zum Glück nichts passiert und er ist jetzt wieder zurück in England bei seiner Frau. Es ist tragisch, dass seine Reise so enden musste. Sein Bike hat beim Startversuch Feuer gefangen und ist nun unbrauchbar. Von jetzt an  werde ich brav meine Benzinhähne am Tank schliessen, damit kein Sprit nachts über in den Vergaser fliessen kann. Bisher war ich eher nachlässig damit. Für heute schliesse ich mit diesen Zeilen; im Wissen, dass wir morgen sehr früh aufstehen wollen, um zeitig an der 80km entfernten kasachischen Grenze zu sein. Wir erwarten einen nervenaufreibenden Prozess, nach dem wir dann noch gut 400 km weit fahren müssen, um aus den schlimmsten Moskitogebieten herauszukommen. Bereits heute Abend wandern das Moskitoshirt aus Canada und das Moskitospray in meinen Tankrucksack, sodass beides in Sekundenschnelle griffbereit ist. Ich bin gespannt, was ich euch zu berichten habe, wenn ich ca. in einer Woche wieder Internet und Telefonverbindung habe. Ach ja, an alle die mit Freude meinen Blog verfolgen und über meine Fotos staunen: bitte erinnert euch daran, dass ich für die Schweizerische MS Gesellschaft Spenden sammle. Wir treffen jeden Tag Menschen, die uns alles geben, ohne etwas dafür haben zu wollen. Es ist wirklich erstaunlich. Folgt doch dieser Einstellung - es können ja auch einfach 20 Franken oder Euro sein. Danke:-) http://www.multiplesklerose.ch/Round-the-World-2013.1647.0.html?&L=0

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